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LESEPROBE
Fred
Breinersdorfer
ANWALT
ABEL - DAS BIEST
Im Taschenbuch bei
Pendragon
Jeder Handgriff
saß. Der Chef und seine Assistentin bereiteten die lange geplante heimliche
Operation an Stellas Gehirn vor. Es war kurz nach zwei Uhr morgens. Die beiden
wuschen sich die Hände, alle Maschinen liefen. Die Geräusche der Elektromotoren
wirkten beruhigend. Der OP war steril. Die Lampen brannten. Und um diese Zeit
würde niemand die Lichter bemerken, denn die Fenster gingen zur Seeseite.
Im OP-Trakt gab es keine Nachtdienste, die stören würden.
Stella lag auf einem Schragen. Nackt und ohne Schmuck. Die Moltondecke unter
ihr war geheizt. Sie war intubiert, ihre Atmung war tief und regelmäßig.
Alle Werte lagen im Normbereich. Die Temperatur im Vorbereitungsraum war angenehm.
Die Oberärztin hatte dem Mädchen den Schädel halb rasiert. Die
Stelle, wo das Laserskalpell ansetzen mußte, war mit Filzstift auf der
geröteten Haut Markiert. Im Nebenraum, hinter großen Schwingtüren,
hörte man einen Menschen würgen und röcheln.
»Und der da draußen?«
»Um den kümmern wir uns später.«
Draußen war Abel. Sie hielten ihn für noch betäubt, weil Frau
Windgassen ihm im Wagen eine weitere Dosis Betäubungsmittel verabreicht
hatte. Der Anwalt lag, ebenfalls nackt, festgezurrt auf einem anderen Schragen
im zweiten Vorbereitungsraum und schlug sich mit einem nicht endenwollenden
Alptraum herum. Zeitweise tauchte er aus dem Nachtmar auf, und ihm wurden dröhnende
Kopfschmerzen und ein giftiges Brennen in der Kehle bewußt, bevor er wieder
zurück in den Traum kippte. Erstickungsgefühle rissen ihn wieder aus
der Betäubung. Aber er war so fest mit breiten Nylonbändern angebunden,
dass er fast keine Möglichkeit hatte, sich zu bewegen.
Jetzt war er für Sekunden da. Er schrie. Obwohl es wie Feuer brannte, schrie
er.
Schubert erschien in Abels Gesichtskreis. Er trug schon seine grüne OP-Kleidung,
aber noch nicht den Kittel. Er sagte: »Hier hört Sie keiner. Halten
Sie den Mund.«
Abel hielt den Mund, aber nicht, weil ihm das Schubert befohlen hatte, sondern
weil er die Schmerzen im Hals nicht mehr aushielt.
»Gut«, sagte der Arzt. »Wie geht’s?«
»Schmerzen.« Abel hustete.
»Das geht wieder weg. Versuchen Sie zu schlafen.«
»Stella?«
»Versuchen Sie zu schlafen.«
Der Arzt beobachtete ihn kurz und ging. Eine Pendeltür wippte. Abel war
nun bei sich, schlug die Augen wieder auf und begann sich zu orientieren. Er
befand sich in einem gekachelten, neonerhellten Raum. Es war warm, weil er leicht
zugedeckt war. Von nebenan hörte er gedämpft die Stimmen von Schubert
und Katja Windgassen. Abel konnte zumindest Bruchstücke verstehen.
»Sie ist trotz allem mein einziges Kind,« hörte er die Oberärztin
zu Schubert sagen.
»Sentimental?«
Keine Antwort.
»Sentimental? Nach dem, was sie uns angetan hat?«
»Nein«, Katja Windgassen unterbrach ihre Vorbereitungen. »Ich
will nur, dass sie nach der Operation kein lebendes Nichts ist. Sie ist doch
noch so jung.«
»Verlaß dich drauf: Wenn alles so läuft, wie ich es sage, dann
hat deine Tochter noch viel Spaß am Leben. Aber sie ist nicht mehr gefährlich
für uns.«
»Und wenn es nicht so läuft?«
Abel verstand nicht, was Schubert murmelte.
Mein Kind? Meine Tochter? Hier war also die verschollene Mutter von Stella untergetaucht,
amtierte als Bewacherin des Mädchens und als Ärztin in einer leitenden
Position! Wer dachte schon, dass eine angeblich Verschollene unbehelligt als
Ärztin weiterlebte? Hatte sie studiert? Abel wußte zu wenig über
diese Frau. Warum, verdammt noch mal, hat Stella nie mehr von ihr erzählt?
Sie muss ihre Mutter doch sofort erkannt haben, als sie in Seelenfrieden unter
einem anderen Namen auftauchte. Mit einem Schlag war Abel klar, wie die Dinge
zusammenhängen mußten.
Die OP-Vorbereitungen nebenan schritten fort. Ein Überwachungsgerät
nahm summend seine Arbeit auf. Zusätzliches Licht gleißte.
Abel zerrte an seinen Fesseln. Er war sehr schwach. Die Nylonbänder gaben
kaum nach. Er holte Luft, schloß die Augen und rief: »Frau Telago,
kommen Sie mal her.« Dann hustete er sich fast die Lunge heraus. Im Nebenraum
herrschte kurz Schweigen. Schubert und seine Oberärztin blickten sich an.
Katja wollte sich umdrehen und hinausgehen.
»Ich denke, der ist wieder bewußtlos?« sagte sie.
Schubert riß sie am Arm zurück.
»Das ist doch egal, bleib hier, um den kümmern wir uns später.«
»Du redest und redest. Wir sind noch nicht einmal bei ihr soweit. Wo willst
du da für den die Zeit hernehmen?«
»Bei ihm geht’s schnell. Er ist ja schon soweit vorbereitet.«
Schubert deutete mit dem Daumen über den Rücken. »Seine Haare
lassen wir dran. Er ist ein kräftiger Junge, da braucht man nicht so steril
zu arbeiten. Wir lasern ihn kursorisch. Und morgen früh findet ihn jemand
in München in seinem verwilderten Garten.«
»Und wenn sie eine EEG bei ihm machen?«
Schubert lachte auf. »Die könnten dreißig EEGs machen. Sie
werden nur die Blutung in seinem Hirn sehen und ihn auf Hirnschlag behandeln.
So wie ich es mache, kann er noch lange leben. Aber er wird – anders als
Gerlinde – nie mehr seinen Kopf gebrauchen können.«
Abel verstand jedes Wort. Er sammelte seine letzte Kraft und rief krächzend:
»Machen Sie keinen Fehler. Reden Sie mit mir.«
Blickwechsel zwischen den Operateuren. Schubert grinste. »Er versucht
es. Das würde ich auch tun an seiner Stelle.«
Katja war unsicher geworden.
Sie ging zu Abel hinüber. Ihr Kopf erschien in seinem Gesichtskreis. »Das
haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Wir haben keine andere Wahl mit Ihnen.«
Er schloß die Augen. Jetzt nur nichts Falsches sagen! »Doch, haben
Sie«, würgte Abel hervor.
Schubert trat dazu. »Es erfüllt mich mit einer gewissen Befriedigung,
Ihnen als einem Juristen sagen zu können, dass wir schlimmstenfalls fünf
Jahre Gefängnis riskieren für das, was wir hier tun.« Das war
zutreffend. Nach deutschem Recht kann jemand, der einen anderen vorsätzlich
selbst in schwerste Geisteskrankheit versetzt, nicht mit mehr als fünf
Jahren Haft bestraft werden. »Demgegenüber sind die Vorteile der
…«, Schubert dehnte das nächste Wort, »Behandlung unübersehbar.
Sie sind mit einemmal abgeschaltet, von Ihnen wird keine Gefahr mehr ausgehen.
Und die anderen …« Schubert lächelte überlegen, als wollte
er damit sagen, dass er sonst keine Widersacher mehr habe. Alles im Griff. »Das
Risiko, dass ein Kollege morgen, wenn man Sie gefunden haben wird, etwas anderes
als einen Hirnschlag diagnostiziert, ist äußerst gering. –
Haben Sie in den letzten Monaten schon einmal Ihren Blutdruck messen lassen,
die Blutwerte bestimmen lassen? Soll ich Ihnen die Risikofaktoren eines Fünfzigjährigen
mit Ihrem Lebensstil aufzählen?«
Katja Telago lächelte, so mochte sie Carl Schubert, so imponierte er ihr.
»Genießen Sie lieber die paar Momente Klarheit, die Ihnen noch bleiben«,
sagte sie zynisch. »Statt sich hier kindisch aufzuführen.«
Die beiden wendeten sich zum Gehen.
»Sie haben eine andere Wahl«, krächzte Abel. »Sie können
bleiben lassen, was Sie vorhaben.« Er quälte heraus: »Der freiwillige
Rücktritt von einem versuchten Verbrechen ist straflos.«
Dieser Versuch einer Rechtsberatung belustigte die beiden. »Man wird uns
auch nicht einsperren, wenn wir tun, was wir vorhaben.«
»Doch, denn da kommt mehr als nur eine schwere Körperverletzung zusammen.
Zwei Fälle. Stella und ich.«
Katja beugte sich mit einem kalten Lächeln zu ihm hinunter. »War
etwas zwischen Ihnen beiden? Hat sie endlich ihren Meister gefunden?«
»Sie haben schon genug auf dem Kerbholz, machen Sie es doch nicht noch
schlimmer.« Abel zählte auf, was ihm an Gesetzestatbeständen
einfiel. »Jahrelange schwere Freiheitsberaubung an Stella. Und vielleicht
noch ein paar andere Fälle. Fortgesetzte Körperverletzung durch die
gepanschten Medikamente. Auch in anderen Fällen? Nötigung.«
Die beiden sahen sich kurz an. Katja zuckte lächelnd mit den Schultern.
Abels Hals und Bronchien brannten. »Veruntreuung von über vierzehn
Millionen. Das allein gibt schon sechs bis sieben Jahre.«
Katja Telago rief Schubert zu: »Woher weiß er das? Ich denke, du
hast die Akten geholt?« Schubert ließ sich nicht aus der Fassung
bringen. »Vermutungen. Die Beweise habe ich. Und sein Geschwätz wird
zukünftig keiner mehr verstehen können. Los jetzt!« Die beiden
verließen endgültig den Vorbereitungsraum, um sich der Operation
an Stella zu widmen.
Abel zerfetzte es beinahe die Lungen, doch er rief noch einmal voller Verzweiflung,
dass er den beiden goldene Brücken bauen wolle.
Keine Antwort.
Aus den Geräuschen im Nebenraum entnahm er, dass Stella nun in den OP geschoben
wurde. Die Tür schloß sich. Eine synthetische Ruhe breitete sich
aus, die Abels Angst zur Panik steigerte. Er zerrte an seinen Fesseln, doch
die gaben nicht nach. Er wußte, dass alles bald keinen Sinn mehr haben
würde. Um so mehr kämpfte er.
Da, endlich ein Fußriemen schien nun doch lockerer. Mehr Bewegungsfreiheit
als am anderen Bein. Er riß rhythmisch an den Bändern. Der Moltontuch,
das ihn abdeckte, rutschte dabei zu Boden. Schweiß bedeckte seinen ganzen
Körper. Und es mochte der Schweiß gewesen sein, der die Haut eine
Winzigkeit gleitfähiger machte. Abel bekam wenigstens sein rechtes Bein
aus der Schlinge. Er riß den Kopf hoch, schaute sich um, sah eine Chance:
Er trat gegen die Wand neben sich. Weil die Räder des Schragens nicht fixiert
waren, rollte er hinüber an die andere Wand, wo er heftig an einen Glasschrank
stieß, in dem Instrumente klapperten und Scheiben zerbrachen.
Niemand kam. Wieder diese synthetische Ruhe. Abel zerrte an seinen Fesseln,
warf sich herum. Mit dem rechten Fuß fand er zunächst keinen Halt.
Doch dann drehte sich der Schragen. Langsam. Abel hatte nun wieder die Wand
in Reichweite. Er streckte sich. In seinem Kopf pochten Schmerzen. Vielleicht
konnte er sich so abstoßen, dass der Schragen durch die Pendeltür
rollte, dann wäre er schon im zweiten Vorraum des OP. Er federte mit aller
Kraft weg. Ein Stich fuhr ihm durchs Hirn.
Die Richtung stimmte. Abel hatte den Kopf schief gelegt und starrte nach hinten.
Krachend verklemmte sich der Schragen in der Flügeltür. Endlich zerrte
Abel seinen linkes Bein frei. Warum, verdammt noch mal, kam er nicht aus den
Armfesseln? Dann hätte er sich vollends befreien können. In seinem
Schädel wummerte das Blut. Die Schmerzen in Hals und Kopf steigerten sich.
Abel zog die Beine an, setzte seine nackten Sohlen auf einen Türflügel.
Noch einmal stieß er sich ab, dann kreiselte der Schragen im zweiten Vorbereitungsraum
des OP und knallte an die Wand.
Abel konnte von dieser Position aus durch das Fenster in den OP sehen. Die beiden
grünen Gestalten waren gebeugt. Die Lampe brannte. Einer der zwei Operateure
justierte an einem kompliziert aussehenden Gerät, das schräg zwischen
den beiden montiert war. Abel stieß sich noch einmal ab.
Der Schragen raste mit der Kopfseite in eine Ablage steriler OP-Kittel und verhedderte
sich dort.
Seine Füße strampelten nun ins Leere. Endstation. Seine Arme waren
wie einbetoniert. Nichts lief mehr. Er erbrach sich vor Anstrengung, Wut und
Angst.
Seine Brust hob und senkte sich hechelnd. Er starrte hinauf in das gleißende
Strahlen einer Lampe.
Schritte? Waren das Schritte? Abel hob den Kopf. Oder Halluzinationen, verursacht
durch den Streß und das Betäubungsmittel, das sie ihm gegeben hatten?
Fortsetzung in:
Fred
Breinersdorfer
Das Biest
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