LESEPROBE

 

Fred Breinersdorfer

ANWALT ABEL - DER DIENSTAGMANN


Im Taschenbuch bei

Pendragon

 

Der Rechtsanwalt Abel lehnte mit der Schulter an der Wand und kaute Kaugummi. Er zog ihn hinter den Schneidezähnen breit und formte eine kleine Blase. Die Blase platzte mit einem leisen «Plopp». Abel zog die linke Hand aus der Tasche und sah auf die Uhr. Ein Uniformierter riss die Tür auf und schob Hiltsch herein.
«Wird Zeit», sagte Abel.
«Looongsam geht die Welt zugrunde, gell», antwortete der Wachtmeister und warf die Tür hinter sich ins Schloss.
Abel drückte Hiltschs feuchte Hand. Sie setzten sich an den kahlen Tisch.
«Kann hier keiner mithören?» fragte Hiltsch und blickte sich an der Decke um. Abel zuckte mit den Schultern.
«Was weiß ich.»
Hiltsch wendete den Kopf hin und her. Der Adamsapfel fuhr am Hals hoch und setzte sich wieder in den Kragen. Seine Augen glitten flink über die kahlen Wände, die Zimmerpflanzen auf der Fensterbank, über den Boden.
«Glaub nicht, dass einer mithört, nur bei Terrordelikten», sagte Abel schließlich und beugte sich vor, legte die Unterarme auf den Tisch und sah Hiltsch ins Gesicht. «Und was will man von Ihnen?»
Sein Mandant suchte nach dem richtigen Wort. «Es geht um eine Kollegin von mir ...»
«Ja?» Abel wusste das bereits.
«Ich werde beschuldigt ... tja, ich soll ...»
Abel schwieg und sah Hiltsch unerbittlich ins Gesicht.
«Vergewaltigung.» Endlich war es heraus, dieses Wort. Hiltschs Stimme wurde schrill vor Empörung. «Haltlos! Das Ganze ist völlig haltlos. Ich bin auf dem schnellsten Weg nach Hause. Ich weiß nichts, aber auch gar nichts, das können Sie mir glauben, Herr Abel. So sind die Weiber, böse und rachsüchtig. Ich weiß nichts und ich war es nicht.»
Abel massierte den Kaugummi mit der Zunge und faltete die Hände, bevor er zu sprechen begann. Er redete leise und eindringlich: «Hören Sie, Herr Hiltsch, wir sitzen hier bei der Kripo und nicht beim Familienrichter. Herr Hiltsch, wir stellen zu Anfang am besten ein paar Sachen klar. Ich bin Ihr Anwalt und das geht nur, wenn ich Ihr volles Vertrauen habe. Deshalb muss ich alles wissen, alles, verstehen Sie, nur dann kann die Verteidigung einigermaßen laufen, wenn es überhaupt was zum Verteidigen gibt.»
«Bin ich schon schuldig?» fuhr Hiltsch erregt dazwischen.
«Sie haben mich falsch verstanden. Nach dem Stand der Dinge sind Sie noch nicht einmal angeklagt, gerade mal beschuldigt. Solche Sachen sind schwierig. Von Natur aus. Warten wir, ob es überhaupt ein Verfahren gibt, falls nicht alles im Sande verläuft. – Damit ich die Fall im Griff haben, muss ich alles wissen.» wiederholte Abel und versuchte Hiltsch in die Augen zu sehen. Es kam fast immer vor, dass ihm seine Klienten an diesem Punkt auswichen. Auch die Unschuldigen.
«Gut.»
«Weiter», sagte Abel, «müssen Sie wissen, dass Sie vor der Polizei und bei Gericht nichts zu den Beschuldigungen sagen müssen. Es steht Ihnen frei zu schweigen. Und noch was: Von mir erfährt niemand was, ich würde mich sonst strafbar machen, das nur noch zum Thema Vertrauen und Wahrheit. Weder Ihre Frau noch jemand aus dem Betrieb noch sonst einer hört davon. Deshalb sagen Sie mir jetzt, wie es war. Genau der Reihe nach.»
Hiltsch zögerte noch. Abel beobachtete, wie es in ihm arbeitete. Ein kleiner prüfender Blick traf den Anwalt, der unermüdlich kaute und gelassen wartete. Hiltsch zog schließlich seinen braun- und gelb gestreiften Schlips zurecht und begann von der Betriebsfeier zu berichten. Er erzählte nüchtern und exakt von der Sauferei, der Polonaise und dem Gespräch mit der Moslech und deren Tanz mit dem als Frau verkleideten Lehrling.
«Übrigens, mal 'ne Frage», unterbrach ihn Abel, «wann sind Sie eigentlich zu dem Fest gegangen?»
Hiltsch dachte nach. «So was zwischen acht und halb neun wird es gewesen sein. Ich war zu spät, das Fest hatte schon um vier begonnen. Das ist Tradition. Alle waren schon angeheitert oder sogar betrunken.»
Abel nickte. Das stimmte. Er hätte seinem Mandanten eigentlich erzählen sollen, dass er ihn gesehen hatte, gestern Abend. Aber er tat es nicht. Hiltsch würde es verwirren. «Weiter», sagte Abel.
«Also die Moslech tanzte mit dem Lehrling da.»
«Sie hatten sich wieder gesetzt?»
«Ja, ja, das ist ja kein Tanz, wie wir ihn kennen. Da steht jeder für sich und verrenkt sich. Keiner hat mit dem anderen was zu tun. Es sieht so kurios aus.»
«Sie haben sich das also angesehen?»
«Ja. Auf einmal war das Tonband zu Ende, und die Moslech ist hinaus», Hiltsch schnickte mit dem Kopf, «und ich habe auch auf die Toilette gemusst. Vor dem Cola-Automaten habe ich sie dann getroffen, wie sie sich geschminkt hat.»
Abels Gesicht verriet Spannung und Hiltsch stockte. Abel wartete ab. Hiltsch legte mit einer knappen Geste beide Hände mit dem Rücken auf die Tischplatte, die Finger gespreizt. Man sah die peinlich gesäuberten Nägel. «Wie sie so dastand, da habe ich sie in den Arm genommen und zu küssen versucht, das ist alles.»
«Wirklich alles?»
«Natürlich.» Empörung lag in seiner Stimme. Abel ließ ihn nicht aus den Augen und kaute weiter. «Ich weiß, es war ein schwerer Fehler», sagte Hiltsch bedächtig, «überall und jederzeit, aber nie mit einer aus dem Büro, das sage ich selbst immer zu den Jungen – und mir passiert das, ausgerechnet mir! Aber diese Weiber heute», er hob die Hände und ließ sie auf den Tisch fallen, «verstehen Sie, Herr Abel, ein Mann hat doch Augen im Kopf. Diese Hintern in den engen Jeans, alles wackelt», er hob die Hände nach oben offen unter seine Brust und ließ sie zittern, «sie hatte keinen Büstenhalter an und unter dem dünnen Stoff sah man bei der Moslech doch alles, alles. Mein Gott noch mal, ist sie doch selbst schuld, wenn einem mal der Gaul durchgeht...» Hiltsch lehnte sich zurück.
«Wie, genau, ist der Gaul vor dem Cola-Automaten mit Ihnen durchgegangen, Herr Hiltsch?» fragte Abel.
«Ich habe sie festgehalten und zu küssen versucht», antwortete Hiltsch entrüstet, «als ob das heute was wäre.»
«Nur ein Kuss?»
«Ja», sagte Hiltsch der Wahrheit gemäß, «und, um genau zu bleiben, sie hat mir eine runtergehauen, die Moslech, dass es nur so geknallt hat. Feuerrot war ich im Gesicht, feuerrot.»
«Wann war das?»
Hiltsch überlegte. «Kurz nach zwölf.»
«Und dann?» Abel steckte die Hände in die Tasche.
«Ich habe das Fest sofort verlassen, auf der Stelle bin ich fort. Nach der Ohrfeige war ich total wach, das kann ich Ihnen sagen. Nur keine aus dem Büro, ist mir durch den Kopf geschossen, nur keine Tippse oder so, und ich Esel fang mit der Moslech an, gerade mit der, eine geschiedene Frau, müssen Sie wissen, da weiß man meistens, wen man vor sich hat.»
«Sie leben auch in Scheidung», sagte Abel und lächelte.
«Herrgott, das ist doch was ganz anderes, Sie sollten das doch wissen. Wer hat denn bei uns die Ehe gebrochen, ich oder meine Frau, diese Hure?» Hiltschs Adamsapfel zuckte.
Abel beschwichtigte ihn und setzte seine Befragung fort. Doch Hiltsch blieb mit Entschiedenheit dabei, dass er auf dem direkten Weg nach Hause gegangen sei und sich schlafen gelegt habe. Er könne dieses ganze Theater nicht verstehen. Ein Kuss, zumal wenn er im Versuchsstadium steckengeblieben sei, wäre doch keine Vergewaltigung. Empört rief er: «Ich kann dieses Weib doch anzeigen, ich!»
«Wegen?» fragte Abel.
«Wegen Körperverletzung, denken Sie an diese Ohrfeige, das muss man sich doch nicht gefallen lassen.»
«Unter diesen Umständen schon», sagte Abel und stand auf. Er nahm den Kaugummi aus dem Mund, rollte ein kleines Kügelchen und schnickte es in den Aschenbecher. «Andererseits ist der Kussversuch am Faschingsdienstag auch kein Delikt. Unentschieden. Ich werde mit dem Beamten reden.» Er verließ das Besprechungszimmer und fragte sich durch.


Fortsetzung in:

Fred Breinersdorfer
EIN FALL FÜR ABEL - DER DIENSTAGMANN

ab Sommer 2006 im Taschenbuch bei
Pendragon

 

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