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LESEPROBE
Fred
Breinersdorfer
ANWALT
ABEL - REICHE KUNDEN KILLT MAN NICHT
antiquarisch im Taschenbuch bei rororo und PIPER
Als die Suche nach eineinhalb
Stunden beendet war, hatten die Kriminalbeamten einige Stapel Papier auf dem
Schreibtisch zusammengetragen, dazu einen schweren Pokal von einem Fallschirmweltspringen
bei der Bundeswehr und ein kleines Küchenmesser, das Abel gewöhnlich zum Brotschneiden
benutzte. Als Krönung der Fundsachen lag eine Strumpfhose mit einem großen Loch
im Zwickel obenauf. Sie war nach fahrlässiger Beschädigung am Morgen von Anne
zurückgelassen worden. Einer der Beamten hatte sie unter dem Bett gefunden.
«Was soll das?» fragte Abel.
«Nylon ist gut zum Waffenreinigen», Riebele verstaute das Indiz mit spitzen
Fingern in einem Plastikbeutel. Die Einwände von Abel wurden damit beschwichtigt,
daß die kriminaltechnische Untersuchung sicherlich schon bald Licht in die Sache
bringen würde. Die Beamten suchten weiter.
«Ich hab sie.» Einer der Polizisten stand neben dem Ofen und streckte eine Pistole
vor. Er hatte sie vorsichtig hinten am geriffelten Teil des Verschlusses gepackt.
«Aha.» Scheible und die anderen kamen hinzu. Nur Riebele stand dicht bei Abel.
«Das ist meine», sagte Abel ganz selbstverständlich.
«Aha.» Der Staatsanwalt nickte.
Abel verließ seine Wohnung flankierte von Riebele, der immer noch hinkte, und
dem Staatsanwalt. Auf der Straße blieben einige Leute stehen und sahen mit unverhohlener
Neugier zu, wie man Abel auf den Rücksitz eines Peterwagens zwängte, links und
rechts ein Polizist. Der Staatsanwalt folgte mit Riebele in einem neutralen
CitroŽn. Diesmal mußte er nicht in die Zelle, sondern wurde sofort in das Zimmer
von Watrin geführt. Riebele zeigte dem Alten, was sie bei Abel beschlagnahmt
hatten, und ging dann, um seine Beute im Labor abzuliefern.
«Sieht diesmal nicht so gut aus, Abel», begann Watrin, der schon auf Abel gewartet
hatte. Abel schwieg.
«Gar nicht gut», wiederholte der Alte und wackelte mit dem Kopf, daß die faltigen
Backentaschen schlackerten. Abel blieb reglos sitze.
«An ihrer Theorie mit Haussman ist nichts dran, der ist aus dem Schneider. -
Dabei bleibt im Augenblick nur der Verdacht gegen unseren Freund Abel.»
Abel lächelte. Das konnte ihm der Alte nicht erzählen, daß Haussmann aus dem
Schneider war.
«Sie wissen sicher, daß Sie die Aussage verweigern können. Sie haben das Recht,
einen Anwalt zuzuziehen.» Der Staatsanwalt hatte die Belehrung gemurmelt und
sich dabei einen Stuhl von der Wand herangezogen.
«Wo haben Sie denn die Pistole her, die man bei Ihnen gefunden hat?» Watrin
hatte sich aufrecht hingesetzt.
«Gekauft was sonst?»
«Wo?»
«Bei Waffen - Schenk; man braucht für dieses Spielzeug noch keinen Waffenschein,
wenn Sie das meinen.» Das Ding sah zum Fürchten aus, aber es war ein kleines
Kaliber.
«Wir gucken uns das Ding ohnehin an», sagte der Staatsanwalt.
«Bitte -» Abel zuckte mit den Schultern - wegen unerlaubten Waffenbesitzes wollten
Sie mich ja sowieso nicht festnageln, was ist wirklich los?»
«Wir vernehmen hier», knurrte Scheible.
«Interessant.» Watrin lehnte sich zurück. «Sie wußten nicht, das man Reissler
erschossen hat?»
«Nein, woher auch?»
«Tja, die Gerichtsmediziner haben die Leichenteile noch geröntgt, der Befund
kam erst gestern abend.»
«So?» Abel war überrascht.
«Und in der Schädelkalotte des Opfers hat man dabei ein Projektil entdeckt.»
Watrin deutete auf seinen Hinterkopf. Das Einschußloch war durch die Räder des
Zuges zermahlen worden. Aus den Resten des Schußkanals schließen die Mediziner,
daß Reissler aus verhältnismäßig spitzem Winkel, von unten gesehen, durch einen
Genickschuß getötet wurde.»
«Dann muß der Täter doch aus einer gewissen Distanz unter dem Opfer stehend
geschossen haben. Bestimmt kann man auf Grund dieser Tatsachen den Tatort ermitteln,
für Sie doch alles kein Problem», sagte Abel kühl.
«Nein.» Watrin lehnte sich zurück. «Die Pistole war aufgesetzt worden, eine
ganz geschäftsmäßige Tötungsmethode, denken Sie an die Russen im Krieg, die
haben es auch so gemacht.»
«Das hätte dem Opfer doch den Schädel auseinandergerissen, mindestens aber wäre
die Kugel vorne wieder herausgekommen», Abel machte eine abfällige Geste mit
der Hand.
«Theorie und Praxis.» Watrin machte eine Kunstpause, weil er sah, daß Abel unruhig
auf seinem Stuhl herumrutschte. «Es war ein kleines Kaliber.»
Abel zeigte Wirkung. Das war inzwischen kein Spielchen mehr. Die Staatsmacht
agierte. Er war verunsichert, weil er mit einem schlüssigen Verdacht konfrontiert
wurde und selbst nichts dagegen unternehmen konnte. Er erinnerte sich, wie er
früher bei der Bundeswehr einmal stechende Schmerzen unter dem Brustbein hatte
und der Arzt ein EKG anfertigte; auch damals hatte er ohne sachlichen Grund
den Atem angehalten, als der Doktor die Kurven studierte.
Nicht durchticken! Er hatte diese Pistole seit Monaten nicht mehr in der Hand
gehabt. Da konnten sie nichts finden.
«Wir werden ihre Waffe genau ballistisch untersuchen», sagte Watrin. Abel meinte
einen drohenden Ton in seiner Stimme zu hören. Plötzlich fürchtete er sich vor
dem Ergebnis wie vor dem EKG. Trotzdem spielte er vorsichtshalber den Gelassenen:
«Einverstanden, aber da wird eh nichts rauskommen.»
Wir können warten, wir haben Zeit.» Watrin legte den Kopf auf die Seite und
sah Abel in die Augen.
«Herr Abel, was haben Sie sich davon versprochen», Scheible versuchte zu beschwören.
Bei dem Wort « versprochen» sprühte Speichel herüber.
«Abwarten und Tee trinken», sagte Abel mit einem hohlen Gefühl in der Magengrube.
«Moment», sagte Watrin und hob die Hand. «auch wenn die ballistischen Untersuchungen
nichts bringt, sind Sie noch lange nicht aus dem Schneider.»
«Und - bitteschön, warum nicht?»
«Sie können die wirkliche Tatwaffe genauso versteckt oder fortgeworfen haben
wie die Schuhe des Opfers.»
«Dann suchen Sie sie», sagte Abel ruhig.
«Sie sind der einzige, der ein Motiv hat.»
«Das wäre?»
«Geld.»
«Reden Sie von Haussmanns?»
«Nein, davon daß seine Brieftasche fehlt. Und Sie wußten, daß er viel Geld bei
sich hatte, das hat der Herr von Paloff ausgesagt.»
«Trotzdem: Reiche Kunden … Sie wissen schon.»
Riebele kam wieder. Er knallte die Tür hinter sich zu.
«Morgen sind wir schlauer», sagte er und schielte zu Abel hinüber, «die beeilen
sich im Labor.»
Watrin nahm keine Notiz von ihm. Er schloß die Augen und lehnte sich mit gefalteten
Händen zurück. «Und wie steht es mit den Finanzen, Abel?»
«Wie soll’s denn stehen? Schlecht.»
«Auf Ihrem Konto sind Zwölfhundert Mark Soll.»
«Richtig.»
«Und die Bank hat den Dauerauftrag für Elektrizität und Gas nicht mehr ausgeführt.»
«Ja», Abel lächelte, «es sah schlecht aus.»
«Es sieht schlecht aus.» Watrin hielt die Augen geschlossen. Es blieb still
im Zimmer. Nebenan schrillte ein Telefon.
«Hier», Abel warf ein Bündel Geldscheine auf den Tisch. «Und hier die Quittung.»
«Woher kommt das Geld?» fragt der Staatsanwalt.
«Von Reissler.» Riebele steckte den Kopf vor, Watrin und Scheible sahen sich
an.
«Vom Opfer korrigierte der Staatsanwalt.»
«Ja, der Rest vom Vorschuß, immerhin so runde achthundert Mark», strahlte Abel,
«das reicht für den Strom und Gas.»
«Wo ist der Rest des Geldes?»
Abel zuckte mit den Schultern.
«Vielleicht liegt es dort, wo Sie die Pistole und die Schuhe des Opfers versteckt
haben», sagte Scheible.
„Wir schätzen, daß Reissler so um die viertausend Mark bei sich hatte.» Watrin
bewegte sich nicht, «genug für einen Mord. Ich kenne Fälle, in denen Menschen
wegen weniger umgekommen sind - wegen erheblich weniger.»
«Quatsch knurrte Abel wütend.
«Tausend haben Sie als Anzahlung bekommen », fuhr der Kommissar fort, «plus
viertausend, das sind fünf. Nicht schlecht.»
«Nein, nicht schlecht. Aber ich bringe niemanden um.»
«Wieviel nehmen Sie pro Tag?»
«Zweihundertfünfzig und die Spesen.»
«Wie lange arbeitet man an solchen Fall?» überlegt Watrin: «Eine Woche?»
«Mehr.»
«Also gut, zehn Tage!»
«Vielleicht.»
«Das macht zwei-fünf.» Watrin sah zu Abel hinüber. «Das ist nur die Hälfte von
dem, was der Mord eingebracht hat. Denn die Milchkuh gibt nicht unbegrentzt
Mich.»
«Ihr müßt das Geld erst einmal finden; möglichst mit meinen Fingerabdrücken.»
Abel hieb mit der Faust auf den Tisch. Dann könnt ihr kombinieren und spekulieren,
vorher ist das nichts als eine wackelige Vermutung.»
«Mag sein. Was haben Sie am Montag Abend eigentlich zu Hause gemacht?»
«Am Montag?»
«Ferngesehen?»
«Nein, mir Gedanken über den Fall gemacht, ich kann also noch nicht einmal das
Programm aufsagen.»
«So, so.»
Watrin nickte bedächtig. «Das Protokoll wird nachher geschrieben, Sie können
es dann draußen im Stammheim lesen.»
«Stammheim?»
«Meinen Sie bei diesen Indizien lassen wir Sie laufen?» sagte der Staatsanwalt
jovial.
Abel atmete schwer. «Sie sind komplett durchgedreht.»
Keiner beachtete ihn. «Mit dem nächsten Schub in die JVA», sagte Watrin zu einem
Uniformierten, den Riebele herbegerufen hatte. Der Mann kam und packte Abel
an den Ärmel. Im Hinausgehen hörte er, wie der Kommissar zufrieden zu Scheible
sagt; «Das recht wohl für einen Haftbefehl? Ja - man habe gut gearbeitet, er
werde sogleich den Antrag diktieren und nachher den Haftrichter anrufen, sagte
der Staatsanwalt.
Abel wußte, daß er sich vor dem Alten zu hüten hatte.
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