LESEPROBE

 

Fred Breinersdorfer

ANWALT ABEL - NOTWEHR


Im Taschenbuch bei

Pendragon

 

Sie hatten Käthe endlich ein Bett gemacht. Rooming in. Mütter konnten in der Kinderklinik die Nacht verbringen, um sie zu beruhigen und damit man sie gleich da hatte, wenn was war. Das Bett stand in einem schmalen Raum neben Gretchens Zimmer, der keinen Schmuck aufwies, nur ein Kruzifix ohne den Heiland hing an der Wand. Käthe saß auf der Bettkante, ihre Handtasche vor den Füßen, den Kopf in die Hände gestützt und starrte das Kruzifix an. Ein Kruzifix sind zwei unterschiedlich lange Holzleisten, die sich im rechten Winkel kreuzen. Mehr nicht. Sie hatte mit dem Christentum nichts mehr zu tun. Kinder lernten den Glauben von den Eltern. Doch oft war beten nur leere Routine. Aber noch nicht einmal das war bei Käthe zu Hause gebräuchlich gewesen. Nur in der Schule hatte sie Religionsunterricht gehabt, weil der Vater nicht aus der Kirche ausgetreten war. Doch vom Unterricht war nichts unter die Haut, geschweige denn ins Herz gelangt.
Wenn Käthe selbst einmal die Augen zumachen wird ... die endgültige Finsternis. Sie machte sich keinerlei Ilussionen. Und was von ihr zurückbleiben würde? Ein paar Gegenstände, die verteilt werden würden, die eine oder andere Anekdote, zwei, drei Sprichwörter, die sie häufiger benutzt hatte. Trauer und Tränen? Wenn Gretchen sie überlebt, bestimmt. Sonst bleibt nur der Name Käthe Lauer auf einem Grabstein. Aber dafür lebte man ja schließlich nicht. Für Gretchen schon. Und zwar egal, ob sie hinterher um ihre Mutter trauert.
Käthe liebte ihr Gretchen ganz einfach. Und deswegen hatte sie würgende Angst davor, das Kind wegen eines Zeckenbisses zu verlieren.
Sie blickte wieder zu dem Kruzifix auf, das im kalten Licht einer Neonröhre an der Wand hing. Wie jeder hatte sie schon ein paarmal, als es Spitz auf Knopf stand, ein Geschäft mit dem Göttlichen machen wollen. Früher, als sie noch klein gewesen war, mit dem Heiland, denn der war körperlicher, gegenwärtiger, später mit dem abstrakten Gott. Dieser Gott war für sie nicht allwissend, sondern allvermögend gewesen. Das war wichtig, denn er konnte mit einem Griff alles herumwerfen. Oft hatten die Geschäfte mit dem Allvermögenden geklappt und Käthe hatte als Kind ihren Teil der Vereinbarung pingelig eingehalten.
Also gut, sagte sich die erwachsene Käthe, wieder ein Handel. Gelang es Gott, dass sich Gretchen entspannte, die Röte aus dem Gesichtchen verschwand und nur noch die Backen glühten, die Nase lief, dann sollte was fällig sein. Es kostete Gott in seiner Herrlichkeit doch nichts, dachte sie, wenn er mit einer Geste die Normalität wieder herstellte, oder wenigstens so viel, dass am folgenden Morgen das Fieber sinken und das Penicillin seinen Siegeszug antreten würde. Aber warum sollte er sich auf einen Handel mit Käthe Lauer aus München einlassen?
Käthe stand auf, trat an das Kreuz heran, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die beiden braungebeizten Holzlatten. Nein, sie war nicht gläubig, jetzt aber bereit, auf ein Zeichen zu reagieren. Sie sprach kein Gebet. Das Händefalten war Kinderhänden vorbehalten. Sie stand aufrecht. Sie hatte sich in ihrem Leben angewöhnt, aufrecht zu stehen. Gott konnte doch diese Haltung nicht verwerflich finden und darauf bestehen, dass man kniet. Also stand Käthe aufrecht und bat für ihr Kind vor dem Kreuz in der weißgestrichenen Rooming?in?Zelle. Und sie versprach Gott etwas, wenn’s klappte. Was, wusste sie noch nicht. Aber es würde was sein, das sie schmerzte. Warum eigentlich musste so was schmerzen, fuhr es ihr durch den Kopf. So, als wäre was Schmerzliches für Gott eine Wohltat, als zähle für ihn nur, was durch Verzicht und Qual erkauft werden musste. Schaffte er denn nicht aus einer wohlwollenden Gleichgültigkeit heraus alles, was so vorkam, und obendrein noch die Wunder? War für ihn Gretchens Leiden nicht genauso fern wie der Tod der Kinder damals in Auschwitz? Seien wir doch ehrlich, er kann doch nur so weiterexistieren, der abstrakte Gott, wenn er so weit draußen ist, so weit weg. Wie könnte er das Leid sonst ertragen? Käthe kam sich ungerecht vor, gegenüber dem, mit dem sie einen Handel machen wollte, weil sie ihn so kalt einschätzte. Doch dann dachte sie, egal, wenn’s hilft, verspreche ich was Schmerzliches. Dann löschte sie das Licht und legte sich in den Kleidern hin für einen Dämmerschlaf.

Fortsetzung in:

Fred Breinersdorfer
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