LESEPROBE

 

Fred Breinersdorfer

SOPHIE SCHOLL - DIE LETZTEN TAGE

Drehbuch

 

46. WITTELSBACHER PALAIS, ZELLE, TAG/INNEN

SAMSTAG, 20.2.1943

Sophie ist alleine in der Zelle und versucht am Waschbecken vor dem Spiegel mit Wasser und der Handtuchspitze ihre Augen zu reinigen und versucht dann ihr Kleid glatt zu streichen. Die Tür geht auf, Sophie sieht im Spiegel: Else tritt ein. Augenscheinlich hat sie es eilig. Sophie dreht sich zu Else um, schaut sie an und spürt, dass etwas passiert ist. Else berichtet Sophie aufgeregt und hastig:

Else
Ein Alexander Schmorell ist flüchtig. Er wird seit heute Morgen mit einem extra Steckbrief gesucht. 1000 Mark Belohnung

Sophies Augen beginnen zu leuchten. Ausdruck der Freude! Shurik ist ihnen also entkommen! Welch eine großartige Neuigkeit! Sophie legt das Handtuch zur Seite.
Die Klappe an der Tür fällt. Suppe wird herein geschoben. Else stellt Sophie die Suppe hin.

Else
(abschätzig) Wieder sauere Kutteln.

Sophie
(Richtung Tür) Herr Ober, kann ich noch mal die Karte haben?

Else
Na, du hast Humor!

Sophie lächelt, setzt sich und rührt zögernd in dem Gebräu in dem Blechnapf und beginnt zu essen.

Sophie
(lächelt offen) Weißt du was wir immer sagen? Freu dich wenn’s regnet, wenn du dich nicht freust, regnet es trotzdem.

Wir studieren mit Else ihr Gesicht, während sie den Fraß durchaus mit Appetit zu sich nimmt.

Locher öffnet die Tür.

Locher
Scholl raustreten! – Gebel an die Arbeit!

 


47. WITTELSBACHER PALAIS, VERNEHMUNGSZIMMER, TAG/INNEN

Die Protokollführerin ist bei diesem Verhör nicht zugegen. Mohr hat seine Notizen zusammengeräumt. Er hat die Karteikarten gebündelt und mit einem Gummi umwickelt. Das finale Stadium des Verhörs ist angebrochen. Der folgende Dialog wird erbittert und sehr emotional von beiden Seiten geführt. Doch Mohr eröffnet zunächst ruhig und freundlich. Auch oder gerade weil er ein hart gesottener Nazi ist, imponiert ihm nicht nur Sophies Haltung, daneben auch, dass sie keine Verräterin an ihren Kameraden ist. Allerdings versucht er, sie dazu zu überreden, sich von ihrer Idee zumindest zu distanzieren und sich damit mit seinen eigenen politischen Vorstellungen durchzusetzen. Wie gesagt, deswegen eine erstaunlich milde Eröffnung.

Sophie bekommt zu ihrer Überraschung von Mohr eine Tasse Bohnenkaffee zu trinken. Er schiebt ihr eine Tasse hin und schenkt aus einer Thermoskanne ein. Wegen seiner Magenschmerzen trinkt er selbst keinen Kaffee und raucht auch nicht.

Mohr
Hier, trinken Sie.

Sophie
(überrascht) Das ist ja echter Bohnenkaffee!

Sophie trinkt in kleinen Schlucken den Kaffee. Mohr fasst Sophie ins Auge:

Mohr
Es geht Ihnen doch auch um das Wohl des Deutschen Volkes, Fräulein Scholl?

Sophie
Ja.

Mohr
Sie haben nicht feige eine Bombe gegen den Führer gelegt, wie dieser Elser im Bürgerbräukeller. Sie haben zwar mit falschen Parolen, aber mit friedlichen Mitteln gekämpft.

Sophie
Warum wollen Sie uns denn dann überhaupt bestrafen?

Mohr
Weil das Gesetz es so vorschreibt! Ohne Gesetz keine Ordnung.

Sophie
(sehr engagiert) Das Gesetz, auf das Sie sich berufen, hat vor der Machtergreifung 1933 noch die Freiheit des Wortes geschützt und heute bestraft es unter Hitler das freie Wort mit Zuchthaus oder dem Tod. Was hat das mit Ordnung zu tun?

Mohr
Woran soll man sich denn sonst halten, als an das Gesetz, egal, wer es erlässt?

Sophie
An Ihr Gewissen.

Mohr
Ach was! (deutet auf den Gesetzesband mit dem er beim ersten Verhör hantiert hat) Hier ist das Gesetz und hier (er deutet auf Sophie) sind die Menschen. Und ich habe als Kriminalist die Pflicht zu prüfen, ob beide deckungsgleich sind und wenn das nicht der Fall ist, wo die faule Stelle ist.

Sophie
Das Gesetz ändert sich. Das Gewissen nicht.

Mohr
Wo kommen wir hin, wenn jeder selber bestimmt, was nach seinem Gewissen richtig oder falsch ist? - Überlegen Sie doch mal, selbst wenn es Verbrechern gelingen würde, den Führer zu stürzen, was käme denn dann? Zwangsläufig ein verbrecherisches Chaos! Die so genannten freien Gedanken, der Föderalismus, die Demokratie? Das hatten wir doch alles schon, da wissen wir doch, wo es hin führt.

Sophie
Ohne Hitler und seine Partei gäbe endlich wieder Recht und Ordnung für jeden und den Schutz des einzelnen vor Willkür, nicht nur für die Mitläufer.

Mohr
Mitläufer? Willkür? Wer gibt Ihnen das Recht, so abfällig zu reden?

Sophie
Sie reden abfällig, wenn Sie meinen Bruder und mich wegen ein paar Flugblättern Verbrecher nennen, obwohl wir nichts anderes machen, als mit Worten zu überzeugen versuchen.

Mohr reagiert nun hasserfüllt, ganz der Kleinbürger, wie Hitler selbst, der typische Nazi mit seinen Komplexen und Träumen vom großen Reich.

Mohr
Sie mit Ihren Privilegien, die Sie und ihre Sippschaft schamlos ausnutzen. Sie dürfen von unserem Geld mitten im Krieg studieren. Ich habe in der verdammten Demokratie nur Schneider lernen dürfen … wissen Sie, wer mich zum Polizisten gemacht hat? Der Franzos in der besetzten Pfalz, nicht die Deutschen Demokraten. Und wenn die Bewegung nicht gewesen wäre, ich wäre heute noch Landgendarm bei Pirmasens. Das Schanddiktat von Versailles, die Inflation, die wirtschaftliche Not und die Arbeitslosigkeit, das alles hat unser Führer Adolf Hitler beseitigt.

Sophie
Und Deutschland in den Krieg geführt.

Mohr
In den Heldenkampf! - Sie bekommen dieselben Lebensmittelkarten wie wir, die Menschen, die sie bekämpfen und verachten. Ihnen geht es doch sowieso besser als unsereinem. Sie haben es doch gar nicht nötig … wie kommen Sie eigentlich dazu aufzumucken. Der Führer und das deutsche Volk schützen Sie …

Sophie
… hier drinnen im Wittelsbacher Palais oder meine Familie in Sippenhaft!

Mohr
… (mit erhobener Stimme) unsere deutschen Soldaten schützen das Reich und die Volksgenossen vor befreien Europa von der Plutokratie und vom Bolschewismus und kämpfen für ein großes, freies Deutschland. Nie wieder Besatzung auf deutschem Boden, das sage ich Ihnen!

Sophie
… bis demnächst der Krieg zu Ende ist und wieder fremde Truppen einmarschieren und alle Völker auf uns deuten und sagen, wir haben Hitler widerstandslos ertragen.

Mohr
Und was sagen Sie, wenn der Endsieg errungen ist und nach dem ganzen Blut und Leid die Freiheit und der Wohlstand in Deutschland einzieht, von der Sie selber geträumt haben, als Sie dem BDM beigetreten sind?

Sophie strauchelt bei diesem Argument, denn ausschließen kann sie eine Veränderung der Verhältnisse nicht. Wie auch?

Sophie
Den Glauben daran haben in Hitlers Deutschland alle verloren.

Mohr
Und wenn es doch so kommt wie ich sage?

Sophie schweigt in kurzer Irritation und Mohr setzt nach.

Mohr
Sie sind doch Protestantin?

Sophie
Ja.

Mohr
Die Kirche fordert doch auch, dass die Gläubigen ihr folgen, selbst wenn sie Zweifel haben?
Sophie
In der Kirche ist jeder freiwillig, aber Hitler und die Nationalsozialisten lassen einem keine andere Wahl!

Mohr
Warum gehen Sie für falsche Ideen, so jung wie Sie sind, ein derartiges Risiko ein?

Sophie
Wegen meines Gewissens.

Mohr
Ich kann nicht verstehen, dass Sie mit Ihren Gaben nicht nationalsozialistisch denken und fühlen. Freiheit, Wohlstand, Ehre, sittlich verantwortliches Staatswesen, das ist unsere Gesinnung!

Sophie
Handeln Sie sittlich verantwortlich, wenn Sie uns bloß wegen eines Flugblatts festhalten, verhören und drakonisch bestrafen? Hat Ihnen denn nicht auch das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das die Nationalsozialisten im Namen von Freiheit und Ehre in ganz Europa angerichtet haben? Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend Hitler entmachtet und endlich hilft, ein neues, geistiges Europa aufzurichten!

Mohr
Das neue Europa kann nur nationalsozialistisch sein.

Sophie ist nicht mehr zu bremsen. Mit Seitenblick auf das Hitlerbild an der Wand.

Sophie
Und wenn Ihr Führer ein Wahnsinniger ist? Denken Sie doch bloß an den Rassenhass! Es hat bei uns in Ulm einen jüdischen Lehrer gegeben, den man vor eine SA-Gruppe gestellt hat, und alle mussten auf Befehl an ihm vorbei ziehen und ihm ins Gesicht spucken. Und dann ist er nachts verschwunden wie seit 41 hier in München Tausende. Angeblich zum Arbeitseinsatz im Osten.

Mohr
Diesen Unfug glauben Sie? Die Juden wandern aus. Von selber.

Sophie
Die Soldaten, die aus dem Osten kommen, erzählen schon lange von Vernichtungslagern. Hitler will doch die Juden in ganz Europa ausrotten! Diesen Wahnsinn hat er schon vor 20 Jahren gepredigt. Wie kommen Sie darauf, dass die Juden andere Menschen sein sollen, wie wir?

Mohr
Dieses Pack hat uns nur Unglück gebracht. Aber Sie gehören zu einer verwirrten Jugend, die nichts versteht. Falsche Erziehung … vielleicht ist es sogar unsere Schuld, dass Sie nichts verstehen … ich hätte ein Mädel wie Sie anders erzogen.

Sophie sieht, dass Mohr sich in den Schatten hinter dem Vernehmungslicht zurückzieht.

Sophie
Was glauben Sie, wie entsetzt ich war, als ich erfahren habe, dass die Nationalsozialisten geisteskranke Kinder mit Gas und Gift beseitigt haben! Mir haben Freundinnen unserer Mutter erzählt, wie Kinder bei den Diakonissinnen in der Pflegeanstalt mit Lastwagen abgeholt wurden. Da haben die übrigen Kinder gefragt, wo die Wagen hinfahren. Sie fahren in den Himmel, haben die Schwestern gesagt. Da sind dann die übrigen Kinder singend in die Lastwagen gestiegen.

Sophie kämpft mit Tränen der Wut und der Rührung, sie behält sich aber im Griff.

Sophie
Meinen Sie ich bin falsch erzogen, weil ich mit diesen Menschen fühle?

Mohr
Das ist lebensunwertes Leben. Sie haben Kinderschwester gelernt, da müssen Ihnen doch auch Geisteskranke begegnet sein.

Sophie
Ich weiß deswegen genau, dass kein Mensch, gleichgültig unter welchen Bedingungen, berechtigt ist, ein Urteil zu fällen, das allein Gott vorbehalten ist. Niemand kann wissen, was in der Seele eines Geisteskranken vorgeht. Niemand kann wissen, welches geheime innere Reifen aus Leid entstehen kann. Jedes Leben ist kostbar.

Mohr
Sie müssen sich daran gewöhnen, dass endlich eine neue Zeit angebrochen ist. Was Sie sagen ist romantisch und hat mit der Realität nichts zu tun.

Sophie
Was ich sage, hat natürlich mit der Wirklichkeit zu tun, mit Sitte, Moral und Gott.

Mohr reagiert emotional und faucht sie an.

Mohr
Gott gibt es nicht.

Mohr geht ans Fenster, blickt hinaus. Er zündet sich eine Zigarette an, inhaliert. Nach einer Pause.

Mohr
Mord an Juden … an Kindern … das ist alles Quatsch.

Wieder Pause. Er zweifelt selbst. Mohr wendet sich Sophie wieder zu und blickt sie lange an. Mit veränderter, ruhiger Stimme sagt er schließlich:

Mohr
Ist es denn nicht so gewesen, dass Sie sich auf ihren Bruder verlassen haben, dass es richtig war, was er getan hat und Sie einfach nur mitgemacht haben? Sollen wir das nicht noch ins Protokoll aufnehmen? Sonst kann keiner mehr etwas für Sie tun.

Sophie erkennt, das ist eine goldene Brücke, die man bei der Gestapo nicht so leicht gebaut bekommt. Nach einer Pause:

Sophie
Nein, Herr Mohr, weil es nicht stimmt.

Mohr ringt förmlich um eine Erklärung, die ihr helfen könnte .

Mohr
Ich will Ihnen doch nur helfen, Fräulein Scholl. Sehen Sie, ich habe einen Sohn, der ist sogar noch ein Jahr jünger als Sie, Fräulein Scholl, der hatte auch manchmal Flausen im Kopf, aber jetzt steht er an der Ostfront, weil er einsieht, dass er seine Pflicht tun muss.

Seine Hand wandert zu seinem Magen. Diesen winzigen Augenblick der Schwäche nutzt Sophie und sagt mit weicher Stimme:

Sophie
Gauben Sie denn noch an den Endsieg, Herr Mohr?

Mohr zögert, weicht der Antwort aus.

Mohr
Mensch, Fräulein Scholl, wenn Sie das alles bedacht hätten, da hätten Sie sich doch nie zu solchen Handlungen hinreißen lassen? Es geht um Ihr Leben!

Sophie starrt Mohr an. Sie weiß, dass es um ihr Leben geht, sie kann nicht anders. Mohr sieht ihre betroffene Sprachlosigkeit und setzt nach. Mohr liest Sophie den Text seines letzten Vorhaltes aus dem Gestapo-Protokoll vor:

Mohr
Hier … für das Protokoll halte ich Ihnen das vor: (zitiert) „Sind Sie nach unseren Aussprachen nicht doch zur Auffassung gekommen, dass Ihre Handlungsweise gemeinsam mit Ihrem Bruder gerade in der jetzigen Phase des Krieges als ein Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft, insbesondere aber unserer im Osten schwer und hart kämpfenden Truppen anzusehen ist, das die schärfste Verurteilung finden muss?“

Sophie sieht, wie Mohr das Blatt sinken lässt und sie fast bittend anschaut. Sie antwortet zunächst nicht. Sophie ringt mit sich.

Sophie
Nein, von meinem Standpunkt aus nicht.

Mohr
Ihr eigener Verlobter liegt im Lazarett! Einen Fehler einzugestehen heißt nicht seinen Bruder zu verraten …

Sophie
… wohl aber die Idee. Ich würde es genauso wieder machen, denn nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung.

Sophie blickt in das steinerne Gesicht des Gestapo-Beamten.

Sophie
Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ich das Beste für mein Volk getan habe, ich bereue es nicht und ich will die Folgen auf mich nehmen.

Sophie weiß, dass sie eine große Chance nicht genutzt hat. Mohr seufzt, schüttelt den Kopf. Er nimmt das Telefon ab und wählt.

Mohr
Protokollführerin zur Niederschrift … ja, sagen Sie dem Chef, wir sind dann fertig.

Sophie und Mohr starren sich an. Mohr wendet sich ab und löscht seine Zigarette. Er geht an das Waschbecken und wäscht sich die Hände.

 

49. WITTELSBACHER PALAIS, FLUR/EINGANGSHALLE, NACHT/INNEN

Sophie wird vom Verhör über die Treppe in den Kerkertrakt geführt. Ihr Schritt ist langsam. Locher lugt sie misstrauisch von der Seite an.

Locher
Was ist?

Sophie schweigt. Locher grinst verächtlich, dann schaut er nach vorne. Sophies Stolz strahlt von innen.


Der ganze Text in:

Fred Breinersdorfer (Hrsg.)
SOPHIE SCHOLL - DIE LETZTEN TAGE

Das Buch zum Film im Fischer Taschenbuchverlag

 

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