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LESEPROBE
Fred
Breinersdorfer
ANWALT
ABEL - NOCH ZWEIFEL, HERR VERTEIDIGER?
Im Taschenbuch bei
Pendragon
Mittwoch,
7. August
In der Nacht
war ein Gewitter über die Stadt gezogen. Es hatte die Menschen aus den
Biergärten und von den Straßen vertrieben. Sturmböen wüteten
zwischen den Häusern und zerrten an den Drähten der Fernleitungen.
Unterführungen liefen mit Wasser voll. Hagelkörner wehten in Häuserecken
zu kleinen Haufen zusammen. Die Sirenen der Feuerwehr hallten durch die Stadt.
Überall waren Keller auszupumpen, während sich das Unwetter grollend
nach Osten verzog.
Abel hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Der Morgen verging mit einer
endlosen Beweisaufnahme in einer Verkehrsunfallsache vor dem Amtsgericht. Die
Sonnenhitze vom Vortag saß immer noch in seinem Kopf. Er ertappte sich
beim Träumen und musste sich innerlich hochrappeln, um den Zeugen die notwendigen
Fragen zu stellen. Er verließ das Gericht spät und musste sich beeilen,
um noch vor der Mittagszeit zu Döhring in das Margarethen-Hospital zu kommen.
Er war angemeldet.
„Guten Tag, Herr Abel.” Der Professor streckte Abel die Hand hin.
Ohne das Stirnband sah der Mann anders aus, immer noch ein rundes Allerweltsgesicht,
aber nun auffälliger mit wachen Augen und einem dünnlippigen Mund.
„Tag.” Abel drückte die Hand des Arztes.
„Bitte.” Döhring zeigte auf einen Stuhl. Sie setzten sich.
Eine kurze Pause entstand. Abel fiel auf, dass Döhring einen dünnen,
blauen Pullover über der weißen Anstaltskluft trug. Er beobachtete,
wie Döhring sich ein Zigarillo anzündete und stellte fest, dass der
Arzt nicht so nervös war wie er erwartet hatte, aber gespannt, beherrscht.
‚Gefaßt‘, hätte Jane gesagt. Es war eine gute Beschreibung.
Ein Chefarzt kennt aus seiner beruflichen Laufbahn schwierige Situationen. Er
hat es gelernt, abwartend zu reagieren. Und Abel war jung. Döhring konnte
ihn kommen lassen.
„Es geht um den Fall Weiß.”
Döhring nickte.
„Sie ist auf Ihrer Station, genauer gesagt auf der Intensivstation, unter
mysteriösen Umständen gestorben.”
„Mysteriöse Umstände?” Eine in ruhigem Ton gestellte Frage.
„Sie waren doch anwesend, Herr Döhring.” Abel schien es, als
zögere sein Gegenüber für eine Sekunde.
„Ja”, antwortete Döhring, „deshalb frage ich Sie, was
Sie für mysteriös halten.”
Abel antwortete nach kurzer Pause: „Die Sache mit dem Katheter.”
Döhring zeigte Wirkung. Abel sah seinen Augen an, dass er auf dem richtigen
Weg war. Nach außen wirkte Döhring immer noch ruhig. Er war klug
genug, zu schweigen.
Abel war am Zuge. Er musste einen Trumpf ausspielen: „Ich besitze den
Katheter und den Schlauch dazu.”
„Es gibt Millionen Exemplare davon”, sagte Döhring.
„Sie missverstehen mich. Ich besitze den bei Frau Weiß angelegten
Schlauch zum Katheter. Dieses spezielle Einzelstück. Es ist sichergestellt
worden.”
„Von wem?” Döhring wirkte jetzt noch gespannter.
„Vorerst egal, gehen Sie davon aus, dass ich den konkreten Schlauch mit
dem Anschlussstück besitze.” Abel machte eine Pause und sah dem Arzt
ins Gesicht: „Die Gegenstände befinden sich auf meine Veranlassung
hin bei der kriminaltechnischen Untersuchung.”
Döhring schwieg. Er zog an seinem Zigarillo und paffte den hellblauen Rauch
vor sich in die Luft. Abel wartete lauernd. Der Arzt reagierte weder aufgebracht,
noch hysterisch. Er öffnete eine Schublade und zog ein Exemplar der Zeitung
heraus, die er wortlos auf den Tisch warf. Endlich begann er zu sprechen: „Haben
Sie das auch veranlasst?“
Abel antwortete nicht.
„Sehen Sie, Herr Abel, ich will versuchen Ihnen zu erklären, wie
ich die Sache sehe. Ich bin der leitende Arzt einer großen Station, mit
vielen Patienten, oft schwere und manchmal hoffnungslose Fälle, das meiste
aber ist Routine. Viel Personal, und nicht immer das beste. Verantwortung ist
da nicht nur eine leere Phrase, eine Floskel für Sonntagsreden, sondern
tägliche harte Praxis. Das nur voraus in Stichworten zur Situation.”
„Und da kann es schon einmal passieren... wollen Sie sagen?”
Eine knappe Bewegung mit der Hand: „Nichts kann passieren und es darf
auch nichts passieren”, sagte Döhring.
„Wozu dann die Rede von der Verantwortung?”
„Damit Sie sehen, wie ernst wir das nehmen.”
„Und trotzdem gibt es hier immer wieder Zwischenfälle, trotzdem bleibt
immer wieder ein Patient auf der Strecke! Gerade hier im Margarethen-Hospital.
Oder nicht?”
Döhring beugte sich vor. Er atmete flach und sah Abel in die Augen. „Rufmord!”,
sagte er. Seine Hand fiel schwer auf die Zeitung. „So einfach ist das
für die Journaille... und die, die dahinter stecken. Die ihre Interessen
rücksichtslos verfolgen.”
„Lassen wir das Wort ‚Ruf‘ einfach mal weg”, unterbrach
Abel, „und wenden uns dem wirklich interessanten Punkt zu.“
„Ich lasse mich nicht provozieren, nicht von Ihnen und auch nicht von
dieser Frau Münster und schon gar nicht von der Journaille”, bellte
Döhring. „Ich kennen den Chef vom Dienst von der Zeitung und habe
mich über die Schreiberin von diesem Pamphlet erkundigt. Na ja, die Freunde
haben auch ihre Personalsorgen. Okay! - Weisen Sie mir etwas nach, wenn Sie
können, wenn nicht, schweigen Sie! Ich hätte mehr von Ihnen erwartet.
Sie sind Akademiker, habe ich gedacht.”
„Warum wollte das Krankenhaus eine Obduktion verhindern?” fragte
Abel zurück.
Döhring schwieg. Endlich sagte er wieder in normalem Ton: „Eine Obduktion
ist Routine in solchen Fällen.”
„Um so erstaunlicher.”
„Was?”
„Dass man versuchte, eine Obduktion zu vereiteln.”
„Sie lügen doch”, schrie Döhring plötzlich und stemmte
sich in seinem Sitz hoch.
„Ich lüge?” Abel lachte. „Wir haben einen Totenschein
in den Akten, in dem nichts von einem unnatürlichen Tod steht.”
„Der Ehemann wollte keine Sektion”, antwortete der Arzt.
„Aha, aber ich lüge”, sagte Abel, „Und bloß weil
der Witwer etwas gegen die Obduktion hat, fälscht das Margarethen-Hospital
einen Totenschein.” Abel nickt demonstrativ. „Sauber!” sagte
er.
„Völter.” Der Chefarzt sprach den Namen mit Verachtung aus.
Abel zuckte mit den Achseln: „Zu Ihrer Verantwortung - Sie haben vorhin
davon angefangen - Völter gehörte zu Ihrem Verantwortungsbereich.
Auch für ihn waren Sie, Sie persönlich, verantwortlich.” Abel
zeigte auf den Arzt. „Ich meine das ganz ohne Pathos.”
„Nein, nein”, Döhrings Stimme bekam einen bitteren Ton, „Ihnen
geht es nicht um die Verantwortung eines Arztes. Davon verstehen Sie nichts.
Sie wollen uns fertig machen, mein Haus und mich.” Döhring blätterte
in der Zeitung und schlug den Regionalteil auf, um den Artikel Abel anklagend
entgegen zu halten. „Was glauben Sie, wie mein Trägerverein reagiert?
Der Beirat, die Kassen, die Spender?“
„Herrgott!” Abel fuhr auf. „Kommen Sie doch mal zur Sache.
Die Stichworte habe ich Ihnen gegeben: ein plötzlicher, medizinisch höchst
unwahrscheinlicher Todesfall, die Vereitelung der Obduktion, der sichergestellte
Schlauch zum Katheter.”
Döhring lachte böse und beugte sich vor. „Von mir hören
Sie nichts mehr. Ihr sauberer Mandant – dieser dahergelaufene Mechaniker
– der darf schweigen, der hat alle Rechte. Nein. Ich schweige jetzt auch.”
Abel faltete die Hände vor dem Bauch und sah unbewegt zu Döhring hinüber,
der hinter seinem Schreibtisch aufgestanden war. „Wenn Sie Angeklagter
sind, haben Sie dieselben Rechte, um die Sie den ‚dahergelaufenen Mechaniker’
beneiden. Noch ist es aber nicht so weit.”
„Ich bin Arzt. Ich habe schon alleine deshalb zu schweigen”, antwortete
Döhring und hob verächtlich den Kopf.
„Sie werden reden. Wenn nicht hier, so vor Gericht.”
„Nein! Ich habe ein Zeugnisverweigerungsrecht! Ich brauche also auch nicht
vor Ihrem Gericht zu erscheinen, ich bin Arzt.” Die Wiederholung der Berufsbezeichnung
glich einem Schutzschild, hinter dem er sich zu verstecken suchte.
Abel erhob sich nun ebenfalls. „Ich werde Sie laden und Sie werden kommen”,
sagte Abel kalt.
„Sie mich laden?” Döhring versuchte zu lachen.
„Ja, das steht mir als Verteidiger zu. Und versuchen Sie mal, nicht pünktlich
zu sein, dann lasse ich Sie durch die Polizei vorführen.”
„Was soll diese primitive Demonstration der Macht, die Ihnen Ihr Gesetz
verleiht? Ich brauche nicht auszusagen, ärztliche Verschwiegenheitspflicht”,
Döhring klammerte sich an diese Hoffnung.
„Dann schauen wir mal.”
„Gehen Sie”, sagte Döhring.
„Ja”, antwortete Abel in nüchternem Ton, „kommen Sie
am Montag um 10 Uhr. Urbanstraße 6, Saal III, Ausweis mitbringen. Zu Ihrer
Sicherheit: Näheres über die Todesursache erfahren wir vom Gerichtsmediziner,
Sie wird man dazu nicht fragen.”
„Man hat die Patientin obduziert?” fragte Döhring, sein Gesicht
war gespannt und weiß.
„Ja”, antwortete Abel und ging hinaus
Fortsetzung
in:
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